Vom Bild zur Erkenntnis: Wie kreative Prozesse innere Klarheit ermöglichen
- atelier26caspar

- 24. Nov. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Die Einladung: Lasst uns mal genauer hinsehen!
Wir alle kennen Momente, in denen Worte nicht reichen – in denen etwas Inneres noch rumort, bevor es ausgesprochen werden kann. In meiner Arbeit mit Kunst und Coaching begegnet mir dieser Moment immer mal wieder: Ein Bild taucht auf, ob nun selbst gemalt oder nur betrachtet, und plötzlich wird etwas sichtbar, das zuvor nur ein Gefühl oder eine Ahnung war oder einfach nicht genug Raum bekam.
Der Anlass: Die Beschäftigung mit Elisabeth von Thüringen

Letzte Woche habe ich im Rahmen meines 100-Gesichter-Projekts die Elisabeth von
Thüringen gezeichnet. Nicht historisch im engeren Sinn, sondern über eine fröhliche, kindlich-künstlerische Annäherung: Eine Klappkarte, die aus einem Korb Blumen ein belegtes Brot werden lässt.Es ging mir dabei erst gar nicht um ihre Geschichte als Heilige. Aber sie hat Fragen in mir ausgelöst: Wie bleibt man sich treu? Wie setzt man eine Haltung gegen Erwartungen durch? Wie handelt man trotz Druck so, dass Menschlichkeit sichtbar wird?
Elisabeth steht für eine Form von Widerstand, die nicht laut sein muss, um kraftvoll zu sein. Und genau deshalb ist sie heute so interessant.
Die unsichtbaren Geschichten:
Über Jahrhunderte wurden besonders die Geschichten von Frauen oft übersehen, überblendet oder romantisiert. Sie stehen selten im Mittelpunkt – und wenn doch, meist durch eine eher patriarchische Brille.
Menschen, deren Erfahrungen still, leise oder zunächst unspektakulär scheinen, können diese manchmal in Bildern und verborgenen Linien sichtbar machen. Dann sehen wir, wo jemand Haltung gezeigt hat, wo jemand gegen ein System angehen möchte, mehr Raum einfordern müsste oder sich selbst schützend vor andere stellt.

Die Erkenntnis oder wie der Prozess funktioniert:
Wenn Menschen in Coachings oder Workshops ein Bild gestalten, tauchen oft Themen auf, die im Alltag unsichtbar bleiben. Der Weg zur Erkenntnis ist dabei erstaunlich natürlich: Beim Gestalten entstehen Spuren, Linien, Farben und Formen, die zunächst einfach „passieren“. Beim Betrachten zeigen sich dann Resonanzen – etwas zieht uns an, irritiert uns, überrascht oder berührt. Und genau hier beginnt der innere Dialog. Durch Fragen wie Welche Form spricht dich an? Welche Farbe wirkt stark? Wo würdest du etwas verändern? öffnet sich ein Raum, in dem die Symbolik des Bildes nach und nach mit der eigenen Lebenssituation in Verbindung treten kann. Oft entsteht so ein kleiner, klarer Impuls: ein Gedanke, eine Entscheidung, ein Satz.
Elisabeth als Beispiel für innere Haltung
Die Figur der Elisabeth steht für etwas, das in uns allen angelegt ist – doch besonders viele Frauen spüren es in sich als zarte, aber beharrliche Stimme: der Wunsch, bei sich zu bleiben, auch wenn Erwartungen laut sind. Für Frauen bedeutet Haltung oft, sich selbst ernst zu nehmen, Grenzen zu spüren, leise Widerstände auszuhalten und trotzdem menschlich zu handeln. Gerade weil ihre Geschichten historisch seltener erzählt wurden, trägt diese innere Haltung ein besonderes Gewicht. Elisabeth erinnert daran, dass Stärke nicht immer laut sein muss und dass ein leiser, klarer Akt des Bei-sich-Bleibens manchmal der mutigste ist.
Elisabeth von Thüringen war eine ungarische Königstochter, die schon als junges Mädchen auf die Wartburg kam und später als Landgräfin lebte. Sie ist bis heute für ihre entschiedene Nächstenliebe bekannt: Sie sorgte für Arme, Kranke und Ausgegrenzte und setzte sich über höfische Erwartungen hinweg. Die bekannte Legende erzählt, dass sie Brot zu Bedürftigen brachte und – als sie kontrolliert wurde – daraus wundersam Rosen wurden. Elisabeth steht für Mut, Mitgefühl und eine Haltung, die leise beginnt und dennoch kraftvoll bleibt.
Was das für mein Coaching bedeutet
In meinen Workshops und Einzelbegleitungen arbeite ich sehr häufig mit Frauen – und immer wieder zeigt sich, wie kraftvoll der künstlerische Weg für sie ist. Im Gestalten finden sie einen freien Raum ohne Bewertung, im Wahrnehmen entsteht Klarheit, und im Erkennen wächst eine innere Sicherheit. Viele Frauen sehen sich in ihren Bildern plötzlich neu: mutiger, verletzlicher, entschlossener, weicher oder deutlicher, als sie gedacht hätten. Die Arbeit am Bild öffnet Handlungsspielräume, stärkt Ressourcen und macht sichtbar, was im Alltag oft überdeckt wird. Es geht nicht darum, schön zu gestalten. Es geht darum, ehrlich zu gestalten – und darin die eigene Stimme zu finden.
Warum ich Bilder als Erkenntnisräume liebe
Vom Bild zur Erkenntnis bedeutet nicht, dass Kunst uns immer Antworten gibt. Sondern, dass sie es uns ermöglicht, Fragen zu stellen, die wir im Alltag übersehen. Sie lädt uns ein, genauer hinzusehen: auf unsere eigene Geschichte, auf die unsichtbaren Linien in unserem Leben, auf die Haltungen, die uns tragen.








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